Gsöll Fanda XL 185S Trial Spezial

 8. Oktober 2010

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Heute eine Stunde früher als üblich, strahlender Sonnenschein und kühler Ostwind, 20°C in der Sonne. Heute nur in die Werkstätte – nicht auf die Leiter. Neben der Kreissäge steht die Fanda. Und für alle die es nicht wissen: Das ist ein Fantic – Honda Bastard, der vom Szenen-Urgestein Walter Gsöll erdacht, gebaut, versucht, entwickelt und gepflegt wurde.

Walter ist seit Mitte der Fünfziger-Jahre ein Trialfreak. Im Laufe der Jahre hat er sich das eine oder andere Motorrad selber aufgebaut, bald hat er auch waghalsige Verschnitte zwischen den Marken und Motorradsparten gewagt. Da gab es Puch-Doppelkolben Trials, eine Aprilia mit Yamaha Motor, eine Moto Guzzi Stornello Trials und eine Honda 185 Twin. An der Fanda hat Walter nun einige Jahre herumgeschraubt, und er hat sie auch immer wieder in Trialveranstaltungen bewegt.

Derzeit arbeitet Walter an einer Honda RTL, die aber leider schon vor Fertigstellung verkauft ist.

Die Fanda hat im Frühjahr 2010 in mein Revier übergewechselt.

Auf die technischen Besonderheiten der Fanda möchte ich später eingehen. Ich möchte zuerst beschreiben wie stark die Fantic da noch zu Wort kommt, und was passiert, wenn man einen 180er Honda-Viertakt-Enduromotor in einem 50er Rahmen (!) baut.

Das Hämmerchen

Wir beginnen beim Betanken: Der Verbrauch ist ein Witz – würde zur 50er passen, der Sprit ist aber Eurosuper ohne Öl, dafür aber mit Bleiersatz.

Die Startzeremonie unterscheidet sich gehörig von jenen flüchtigen Anwerfkicks bei den Zweitaktern. Die rechte Fußraste wird angehoben und verharrt da. Das klingt schon sehr nach Eigenbau – das bewegt sich zwischen „akzeptabel“ und „geliebte Gewohnheit“.

Um einen Viertakter ins Leben zu rufen, kickst du nicht so explosiv wie bei einem Zweitakter, dafür will er aber mehr Weg.

Die Fanda wird mit halb herausgezogenem Choke gestartet. Ist der Kick erlernt, erfordert er wenig Beinkraft. Es kommt aber vor, dass man ein zweites Mal treten muss. Spätestens dann, brabbelt der Motor munter los. Er läuft in der Gsöll Fanda leise und beständig. Schon bei den ersten Gasstößen ist klar, das Hämmerchen beschleunigt nicht gerade explosiv. Das bleibt auch so wenn der Motor warm ist.

Bis es so weit ist, lasse ich den Motor im Stand laufen. Jetzt schmiere ich die Kette mit einem Pinsel von der Innenseite – altes Motoröl. Wenig Platz für den Pinsel. Dann: Blick auf die Schweißnähte und Lötstellen, Helm festziehen, Stiefel schließen, es geht los.

Erbauer der Fanda:

Walter Gsöll >>

Bis ich richtig fahre, denke ich an
Tschitti Tschitti Bäng Bäng

Auf der Schotterpiste – der Motor läuft auf einer flotten Traktor-Drehzahl – von etwa 1800. Entspanntes Rollen ist angesagt. Drehst du an der Zauberhülse, dann beschleunigt der kleine Honda unter hörbarem Geschnaufe an der Saugseite, ruhig aber bestimmt. Das Öffnen des Schiebers verändert das Motorengeräusch in Richtung 500ccm. Der offene Luftfilter mag zwar Kraft kosten, macht dann aber großen Motorensound – das liebt jeder. Bald beginnt man für fiktive oder reale Passanten Motorsound-Synphonien zu inszenieren. Man fährt auf eine enge Kurve zu, schaltet mit Zwischengas auf die Drei herunter, um ab Mitte der Kurve wieder dramatisch zu beschleunigen, und mit Geheule in die Vier und dann in die Fünf zu schalten. Das klingt so martialisch, dass einem dabei das Blut gefriert. Natürlich hätte man nur ein wenig vom Gas gehen können, um die gleich Aktion in der Fünf zu erledigen. Wäre genau so schnell gewesen, hätte aber nicht diesen unglaublich theatralischen Sound erzeugt. Ab liebsten würde man da am Wegrand stehen und sich selbst fahren hören.

Schon bevor ich mein Revier erreiche, habe ich so Spaß mit der Fanda. Das Fahren selber war dabei fast Beiwerk. Vom Fahrwerk her wirkt die Fanda wie die 125er Fantic nervös und „kippelig“. Die Kette erzeugt ein etwas zu lautes Einlaufgeräusch. Ich fahre mit der Fanda nicht gerne schnell. Das macht aus jeder Fanda-Ausfahrt eine kleine Sonntagsausfahrt – auch am Freitag.

„The Hill“

Ich stehe vor dem Hang. Mir ist klar, dass die Traktion heute viel besser als am Mittwoch. Aber es ist auch klar, dass der erste Gang für diesen Hang zu langsam ist. Und da die Fanda kein Trialgetriebe, sondern ein Enduro-Getriebe besitzt, ist hier nichts zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass es die Zwei mit genug Drehzahl machen könnte, aber das wäre mir für diese Spur zu schnell. Das kann ich nicht. So umfahre ich diese Steigung, und fahre den gleichen Hang mit zwei kehren hoch. Dabei nehme ich nasse Wurzel im unmöglichsten Winkel. Der Staccato-Schub der 4t-Fanda macht das zu einer recht einfachen Übung.

Es wird klar, dass mich die Fanda von den vertrauten Spuren wegführt. Ich folge einem neuen Fanda-Spurendesign. Die Fanda sucht dabei die einförmige Bewegung auf möglichst harmonischen Linien. Am liebsten fahre ich im zweiten Gang durch lebhaft strukturiertes Gelände. Hohlwege, Geäst, flache Baumstümpfe und natürlich Schrägfahrten in steilen Hängen, das ist Fanda-Gelände. Das ist eben Enduro-Gelände, und man spürt, dass Motor und Getriebe dafür abgestimmt wurden. Das heißt aber nicht, dass man mit der Fanda nicht auch richtiges Trial fahren könnte. Auch wenn es in meiner Welt keine Sektionen mehr gibt, kenne ich doch Spuren, die ganz gut in eine Sektion passen würden. Und da ist die Fanda gar nicht fad.

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Wenn’s eng wird.

Gut – die Enduro-Neigung des Honda-Motors ist klar zu spüren. Die Vernunft und ein Fahrwerk, das mit einem 50er Motor bestückt werden sollte, lassen nicht zu, dass man den Motor ausreizt. Der Rahmen mag zwar Enduro-Freuden einbremsen, aber wenn es eng und hakelig wird, spielt der Rahmen die großartige Trialfähigkeit aus. Über Baumstämme, zwischen eng stehenden Baumstümpfen oder im Steinbruch lässt sich die Fanda aufgrund ihres kurzen und leichten Rahmens fast wie ein modernes Motorrad bewegen. Das reaktive Fahrwerk ist dabei die ideale Ergänzung zum sanft beschleunigenden, aber kraftvoll schiebenden Motor. Dazu passt auch, dass sowohl Vorderbremse, als auch Kupplung die Gsöll Fanda echte Ein-Finger-Werkzeuge sind. Die Kupplung ist eher von der Alles-oder-Nichts Sorte. Sie trennt sofort und verbindet rutschfrei. Der Bereich dazwischen ist aber schwer zu dosieren. Ich fahre die Fanda aber fast Kupplungsfrei. Ab und zu macht aber auch „zangeln“ großen Spaß, und da kann man durchaus positive Überraschungen erleben.

Dazu etwas Geometrie:

Die Schwinge der Fantic misst von Radachse zur Schwingenachse 40,5cm, bei der F240 sind es 45cm. Der Abstand zwischen Fußrastenmitte und Radachse beträgt bei der Fanda 34cm, bei der F240 37cm. Bei beiden Motorrädern beträgt der Abstand zwischen Fußraste und Lenkerende 90cm, aber bei der Fanda steht man aufrechter. Vom Boden zur Lenkeroberkante sind es hier 111,5cm, bei der F240 nur 107cm. Fußrastenoberkanten liegen bei der Fanda 37cm, bei der 240er 36,5cm hoch. Dabei darf man nicht vergessen, dass ich an der F240 eine 200er Gabelbrücke mit rückversetztem Lenker verwende. Das Original wäre noch extremer auf Klettern ausgelegt (– muss ich bald wieder mal ausprobieren).

Diese Daten verraten also, dass man auf der langen 240er eher im Liegestütz liegt. Auf der Fanda hingegen stehst du aufrecht. Mit dem höheren Motorschwerpunkt hast du an der Fanda ein Feinwerkzeug für Hebearbeiten. Die hohe Steh-Haltung, eine extrem kurze Schwinge, wenig Gewicht und ein Saustarker Motor, der sich extrafein dosieren lässt – ich denke jeder Freerider kann sich davon ein Bild malen. Dazu die Fingerarmaturen – da macht sinnloses Herumheben auf einmal riesigen Spaß.

Ab zum Trialbewerb! – Klar, der Walter hat sie ja auch für Bewerbe in den engen Spuren entwickelt.

Genug für's Erste.

An diese Ausfahrt werde ich in den folgenden Geschichten hin und wieder erinnern. Dann, wenn ich über die Datails der Maschine schreibe.

Aber jetzt zum Freitagsfazit:

„Genussmittel“

Ein gelungener Nachmittag, egal welche Spur man fährt. Die Fanda ist etwas für’s Gemüt. Da spielt Mathematik und Statistik, wie sie durch Rundenkarten und Score-Listen vertreten werden, keine Rolle. Man will sich nicht an den letzten Grenzen erleben, man möchte sich auf diese gsöllige Komposition aus Fantic und Honda einlassen und sie genießen. Die Fanda ist für mich ein Genussmittel - psychische Abhängigkeit garantiert.

Joe

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