Abenteuer im "kleinen" Graben

 Kleingrabentrial am 16. Oktober 2010

In einem schattigen Graben zwischen Eichberg und Karberg steht mein Elternhaus. Auch wenn ich meinen Bruder Alfred nur selten live zu Gesicht bekomme, schaffen wir es doch immer wieder, uns zum alljährliche Herbsttrial im Kleingrabentrial zu treffen.

Am 16. Oktober war es wieder so weit. Der Termin war seit Wochen festgelegt, und der Wettergott hatte uns sieben trockene Tage hintereinander geschenkt. Der achte Tag, der Tag unseres Treffens, sollte laut ORF-Prognose Regen aus dem Süden bringen. Aber dieser Tag blieb strahlend und trocken.

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Vormittag: Test in Sektionen

Knapp nach Acht sitze ich in der Küche meiner Eltern. Filterkaffee und Familientratsch – dann geht es an die Eisen. Dem Fredl habe ich die Fischer Barbara Special (Fantic 125 Trials) mitgebracht. Ich wollte die Fanda (Gsöll Fanda 185 Trials Special ) auf die Tracks meiner Jugend führen.

Am Stecher-Weg, der Platz an dem wir uns fast immer warm fahren, werden einige Fotos geknipst und beide testen wir die Fanda unter Sektions-Bedingungen. Fredl „steckt“ zwei Sektionen, die er als „OLT-gelbwürdig“ erachtet. Die erste geht sofort, bei der zweiten Sektion brauche ich einen zweiten Versuch. Sicher gibt es bessere Sektionsplätze, aber das hier reicht, um festzustellen, dass die Fanda hier keine Grenzen setzt.

Der Fredl macht ein Video, und erklärt mir, dass man Videos zum Glück schneiden kann – Gott sei Dank.

Es geht weiter auf einer Spur, die ich in meiner Jugend mit meiner Bultaco 200 befahren habe. Damals wusste ich ja noch nicht, dass Knochen auch mal brechen können. Da mir das mittlerweile aber bewusst ist, haben wir die Motorräder an einigen Stellen getragen – zu hohes Verletzungsrisiko.

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Alfred auf der Fanda von
Walter Gsöll >>

Gsöll Fanda 185 Trial >>

Fantic 125 Trial >>

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Nachmittag: Free Lines

Frühzeitiges Mittagessen um 11 Uhr – Fredl muss sich auf seinen nächsten Steiermark-Termin vorbereiten (Buschenschank Tour mit Freunden). Nach dem Essen ziehe ich mit der Fanda und meinem Fotoapparat los, um weiter Spuren aus meiner Trial-Vergangenheit zu befahren. Es geht hinauf auf den Eichberg, und entlang seiner Westflanke in Richtung Trautenburg. Immer auf halber Höhe zwischen Bergkamm und Kleinbach, arbeite ich mich Teils auf Forstwegen, Teils auf Waldboden immer weiter gegen Süden. Der steile, steinige Boden lässt an vielen Stellen keine Bewirtschaftung des Waldes zu, was die Wälder zu echten Urwäldern verkommen lässt - Whow!

Die zahlreichen, tief in den Berg eingeschnittenen Nebenarme des Kleinbaches machte aus der vermeintlich kurzen Strecke – auf der Straße sind es 3 oder 4 Kilometer – eine Reise. Es sollten heute nicht nur die Grenzen meiner körperlichen Verfassung ausgelotet werden.

Forstwege die plötzlich im unbefahrbaren Nirgendwo landen, zahlreiche Bergungen des Motorrades aus moorastigen Löchern und von morschem Holz übersäte Fahrspuren machen mich schnell müde. Aber unvergessliche Natureindrücke locken mich immer weiter.

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Im Trichter

Endlich bin ich am höchsten Punkt meiner geplanten Tour, nicht weit von der Buschenschenke, wo sich der Alfred jetzt vergnügte, versuche ich den Weg in den Graben zu finden. Der Weg, wie ich ihn kenne, ist aber durch einen Weidezaun versperrt. Ich versuche eine freie Linie durch den Wald. Nach einigen „Sackgassen“, die immer wieder an einem steilen Abgrund enden, versuche ich in die Talsohle eines Seitenarmes des Kleinbaches einzufahren. Die Abfahrt ist extrem steil, nur teilweise habe ich die Fanda unter Kontrolle. Es geht aber sturzfrei. Ich bin unten, zurückfahren ausgeschlossen. Ich folge dem kleinen Bächlein, das sich in einer immer enger werdenden Schlucht windet. Es geht durch Pfützen und Schlammlöcher, über Holzbarrikaden und Steine. Bald komme ich an eine etwa 4m hohe Felsstufe, über die das Wasser nach unten in einen tiefen Tümpel stürzt. Der Graben hat hier so steile Flanken, dass es auch da kein Weiter gibt. Ich stehe also am tiefsten Punkt eines steilen Trichters, der unten raus nicht befahrbar ist. Motor aus – absteigen und Ruhe bewahren. Ich gehe zu Fuß zurück und versuche eine Ausfahrt zu finden.

Da gibt es aber nicht wirklich einen Ausweg. An der sichersten Stelle sind gut 50 Meter Höhe zu überwinden - steil nach oben, über Baumstämme.

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Einen Ausweg gibt es immer ...

Die einzige Ausfahrt die nicht von liegenden Baumstämmen oder unpassierbaren Wurzelspinnen blockiert ist, scheint jene Stelle zu sein, bei der ich mich in den Graben habe hineinfallen lassen. Aber diesen Anstieg würde ich nicht einmal mit einer modernen Maschine wagen. Die Anfahrt müsste erst von Ästen und vom Laub befreit werden, aber auch dann …

Nach einigen Minuten fällt mir ein Rutschhang auf, der etwas „flacher“ ist, der dafür aber von vier Baumstämmen versperrt ist, die hintereinander zu überqueren wären- von unten, am steilen feuchten Hang.

Mein Plan ist es, mit der Fanda bis zum ersten Baum zu kommen, das Vorderrad aus der Fahrt über den Baum zu heben, und dann würde ich weitersehen.

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Der Plan gelingt auf Anhieb so gut, dass ich auch das Hinterrad noch über den ersten Baum bekomme, dann stehe ich. Ich richte das Fahrzeug parallel zum Baum ein, um anfahren zu können. Bei den ersten beiden Versuchen schaffe ich es nicht, das Motorrad in den Hang "hinein zu drehen" -  das kostet Kraft. Beim dritten Versuch klappt es immerhin so gut, dass ich gerade den zweiten Baum erreiche. Es ist mehr ein Bäumchen – nur etwa 15 cm dick, aber weil es so steil ist, bringe ich die Fanda nur tragend darüber hinweg. Das dauert gut 10 Minuten in denen ich Blut schwitze– dann 10 Minuten Pause. Die Muskel in Beinen und Armen brennen. Für die Schönheit der Natur habe ich jetzt keinen Sinn mehr.

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Selbstüberwindung

Ich denke daran, dass ich jetzt einen Rettungshubschrauber rufen könnte, besäße ich ein Mobiltelefon. Der Humor ist mir also noch nicht vergangen.

Die Etappe zum nächsten Baum beträgt etwa 15 Meter. Es ist hier etwas flacher, aber das Laub liegt hier dicker als in der vorherigen Etappe. Ich versuche es schräg, das klappt bis zum nächsten Baum. Dieser Baum ist so morsch, dass er zerfällt wenn man darauf tritt. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich einfach hindurch gefahren. Zu spät – es wird wieder ein Gezerre, und das morsche Holz erweist sich als sehr rutschige Unterlage. Selbst das fixieren des Motorrades kostet extrem viel Kraft.

Endlich habe ich auch das hinter mir. Der letzte Baum kann zwar umfahren werden, aber das Anfahren will mir zunächst nicht so richtig gelingen. Mir quillt Blut aus den Poren und so fehlt die Konzentration, um das Anfahren technisch sauber zu lösen. Ich stoße mich mit dem linken Bein mehrmals an Boden ab, ehe ein Krampf auch diese Technik unmöglich macht. Ich lege mich mit dem Motorrad auf den Boden, stelle dann den Motor ab. Vom Motorrad befreit verschnaufe ich hier noch einige Minuten. Meine letzten Reserven sind aufgebraucht. Der letzte Anstieg gelingt mir später wie im Traum. Keine Ahnung, wie lange das gedauert hat.

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Schnitzel gut, alles gut

Auf dem Rückweg zu meinem Elternhaus verlasse ich die Straße nur noch, um Fotos zu schießen.

Mit leeren Akkus, aber mit einer Erfahrung, die ich nicht missen möchte, packe ich die Motorräder auf den Motorradanhänger. Es folgt eine Autofahrt in Trance - wenn ich die Augen schließe, sehe ich morsche Holzstücke, die meinen Weg blockieren. Ab und zu, zuckt mein rechter Fuß zur Bremse hin ...

Ich freue mich schon darauf, der besten Frau der Welt beim besten Espresso der Welt, von meinem Abenteuer zu erzählen. Ein paar Fotos habe ich auch mitgebracht.

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