Motorradfahren im Winter

Die letzte Ausfahrt ...

Wir haben den 30. Dezember - Sonnenschein, +4° in der Sonne, +1° im Schatten. In der Nacht hatte es -6°, es ist also kalt und trocken.

Ich nehme die 240 in meine Gärtnerhandschuhe und verwöhne ihre Kette mit einigen Pinselstrichen mit leichtem Öl. Dann der Start: Ich schwöre, zwei Tritte, und die Süße läuft.

Das ist jetzt schon die dritte Ausfahrt hintereinander mit der Lieben, nachdem sie lange etwas im Abseits stand.

Seit Sommer bin ich fast nur noch mit der Fanda gefahren. Jetzt ist die 240er die Wahl der Stunde, weil ich mit diesem Motorrad noch nie, nie, niemals irgendwo liegen geblieben bin; seit sechs Jahren. Reparaturen gab es: Motorlager wurden gewechselt, die Kupplungsdruckplatte (habe ich im ausgebauten Zustand zerstört), sonst nur Ersatzteile. Aber immer war sie fahrtüchtig.

Du verstehst also sicher die süße Wortwahl für meine "sweet joymachine".

Eine Panne wäre jetzt, bei den gegebenen Verhältnissen, besonders bitter.

Was ich da erzählen will, lässt sich am besten mit einem Rückblick einleiten:

4. Dezember

Seit einigen Tagen schneite es nun täglich, immer in kleineren Mengen. Schließlich war die Schneedecke aber doch auf etwa zwanzig Zentimeter angewachsen.

Jetzt herrschte leichtes Tauwetter, der trockene Schnee war von der Sonne angeglast.

Ich machte die Fanda für einen kleinen Ausritt im Tiefschnee startklar. Aus der Startprozedur ließ sich eine gewisse Abneigung des Motors der Kälte gegenüber ablesen. Dann, als sie mal lief, war die Welt wieder in Ordnung. Es folgte eine unspektakuläre Ausfahrt in die "Au". Zwei Kilometer Traktorweg, davon einige hundert Meter den Hügel hinunter, dann wieder hinauf - fast alles im tiefen Schnee, denn die Traktorspuren waren die schlechtere Alternative.

Im unverdichteten Schnee fuhr man wie in Watte. Nur wenn es ganz langsam wurde, war das Motorrad schwer zu beherrschen. Der Motor ist bei so rutschigen Verhältnissen prima. Sinst gibt es dazu nicht mehr viel zu sagen.

Ich machte noch drei Fotos im Hof, dann begann meine große Motorrad-Winterpause.

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24. Dezember

Nach einer langen Kälteperiode herrschte seit drei Tagen wieder Tauwetter, auch in der Nacht taute es. Das Wattewetter, dichter Nebel bei +4°C, lud zum Motorradfahren ein. Der Schnee war schwer und firnig. So etwa, denke ich, dürfte sich feiner Wüstensand unter den Reifen anfühlen. Mir war klar, dass dieser Schnee viel mehr Arbeit von mir verlangen wird, als es der kalte, leichte Schnee vor drei Wochen tat. Ich entschied mich aus den einleitend genannten Gründen (erwiesene Zuverlässigkeit) für die 240er Fantic. Die trägt ja auch das Wort "Professional" in ihrer korrekten Modellbezeichnung, und eine Ausfahrt in diesem Schnee war sicher eine Angelegenheit für einen Profi.

Es blieb nicht bei der kleinen Pendelfahrt, wie ich sie damals, vor der Winterpause, mit der Fanda gemacht hatte. Eine komplette Rundfahrt von gut acht Kilometern mit einigen Hills wollte ich mir an diesem Vormittag gönnen. Das Wort "Hill" hatte jetzt eine ganz andere Bedeutung als im Sommer. An Steilhänge mit Wurzeln war nicht zu denken. Hill hatte an diesem Tag eher jene Bedeutung, die man diesem Wort schon vor hundert Jahren bei einer schottischen Sechstagefahrt gab. Es bedeutete, dass man eine Bergfahrt ver sich hatte, die nur unter großer körperlicher Anstrengung, oder unter Anwendung fortgeschrittener Fahrtechniken zu schaffen war.

Der Begriff "Hill" steht aber auch für die Herausforderung, die er für einen Motorradfahrer darstellt . So gesehen hatte das Ganze schon auch etwas mit Trial zu tun. Auch wenn ich diesmal nur auf Traktorwegen unterwegs war. Immerhin gab es über lange Abschnitte des Weges diese vereisten Traktorspuren. Die hatten schräge Rillen, und manchmal kreuzen sich diese Eisrillen. Da wird es dann auf dem Motorrad dann ganz schön spannend.

Um diesem Problem zu begegnen, nützte ich das, was mir die 240 für solche Gelegenheiten anbietet: In die Knie, Arsch knapp über den Sitz, und den Schieber mittels Drehgriff behutsam, aber aber doch „AUF“-machen. Die 204 gibt da mehr Stabilität, als jedes andere Trialmotorrad das ich kenne. Sie ist einfach eine g**** Motocross-S**.

Die Gänge Vier und Fünf sorgen für höchst erfreulichen Vortrieb. Skidoo-Gefühl pur. Zugedröhnt mit Glückshormonen fühlten sich meine Arme und Beine bald an, als wären sie mit heißem Brei gefüllt.

Wieder zum Wetter:

In der folgenden Nacht war es dann wieder saukalt und das hatte Folgen: Ich hatte in diesem schweren, matschig-nassen Schnee eine tiefe Fahrrinne hinterlassen. Diese wurde in dieser Nacht zu Eis, und sie sollte sich noch länger halten. Genauso haben sich auch die Traktorspuren bis heute (30.12.) gehalten.

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27. Dezember

Es blieb also kalt. Am 27. 12. hole ich wieder die 240er aus dem Stall. Es war ein kalter, aber klarer Tag. Die Spuren sind vereist, der Schnee ist so hart gefroren, dass man im freien Feld kaum Reifenspuren hinterlässt. Ich fahre aus Spaß meinen eigenen Spurrinnen entlang. Hunderte Meter weit in der Eisrinne – das ist fast so anstrengend wie eine schottische Steinsektion. Die einzige Möglichkeit das Gleichgewicht zu wahren, ist präzises Leaning Out mit dem gesamten Körper.

Heute also kaum Moto Cross, dafür aber Oldschool Trial von der schnellen Art.

 

30.12. - Letzte Ausfahrt in diesem Jahr

Das Eis wird jeden Tag an der Oberfläche nass, und friert in der Nacht bei -6 Grad wieder knochenhart. Es wird immer schwieriger, sich darauf auf den Beinen zu halten, befahren würden es nur Verrückte oder Trialfreaks. Ich zähle mich zu den Ersteren, also nichts wie auf das Motorrad.

Den ersten Hügel hinunter zeigt sich schon, wie glatt es heute ist. Höchste Konzentration ist vor allem beim Kreuzen der Traktorspuren gefordert. Irgendwo weit draußen auf freiem Feld, hatte ich eine Begegnung mit einer Reiterin, die wohl ebenso wie ich, die Entspannung in der Natur suchte. Lange vor der Begegnung habe ich den Motor abgestellt, und auf der Seite ruhig gewartet bis mich das scheue Pferd passiert hatte. Dem Pferd war die Begegnung offensichtlich unheimlich, denn mein rotes Pferd roch so seltsam.

Noch ein Kilometer auf dem Eis, dann ein Waldweg mit einigen richtig steilen Abschnitten, der erste Hill. Unten gab es unter den Bäumen schneefreie Flächen. Ich habe bis zum Hang hin Kreise und Bögen um die Bäume gefahren. Dann war ich schon im Hang, quer zur Steigung, dritter Gang, Geschwindigkeit knapp über Null. Ich hatte fünf Meter um das Motorrad steil bergauf in den Hang zu drehen, und dabei Geschwindigkeit zu machen. Denn danach begann ein gut dreißig Meter langes Schneefeld mit gleichbleibender Steigung. Ich sage dir: In diesem Moment möchte ich auf keinem anderen Motorrad stehen, als auf der guten alten 240er. Fünf Meter reichen diesem Motorrad – natürlich musst du dabei genug Druck auf das Hinterrad bringen. Ich musste hart arbeiten (in a very crossy style) um das Hinterrad auch im Schnee noch in den Boden zu pressen. Rund 30 Meter Schwerarbeit - oben war ich platt aber glücklich. Ich liebe den Winter.

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Die wilde Jagd

Nach einer kurzen Pause fuhr ich den Weg hinaus aus dem Wald, in einen frequentierten Traktorweg. Noch wildere Spuren als am Beginn, noch glatter vereist – das war die Unterlage die ich da vorfand. Und kaum hatte ich mich ein wenig an diese Unterlage gewöhnt, hörte ich, dass mir ein Traktor auf den Fersen war – Blick zurück – ein grüner Riese, der kam mit Vollgas angeflogen.

Natürlich hätte ich jetzt einfach an die Seite fahren können um den Zweispurigen an mir vorbei zu lassen, oder ich hätte an der nächsten Möglichkeit in den Wald abdrehen können. Da wäre schnelles Fahren kein Problem gewesen. Dazu war ich aber zu stolz. Und du weißt ja: „Dummheit und Stolz sind aus dem gleichen Holz“.

Ich wollte mich zwar nicht auf einen Wettkampf einlassen, ich war aber nicht bereit, mich hier in meinem Wald als Verkehrshindernis hinstellen zu lassen, von einem dahergefahrenen Traktorlenker. Schließlich stand da einmal das Wort „Professional“ auf meinem Motorrad.

So war ich also verrückt genug, mich auf dieses eitle Spiel einzulassen. Hochschalten in die Fünf, vorsichtig ins Gas – 50 Meter.

Dann kam eine Kurve, und die hatte es in – nein auf sich. Was die Kurve auf sich hatte, das war eine durchgehende, dicke Eisschicht mit diesen wahnsinnigen Rillen. Vierter Gang, ganz langsam. Mit höchster Vorsicht den Rillen haargenau entlang fahren, bloß keine Gaswechsel. So konnte ich die Geschwindigkeit des heranbrausenden Traktors nicht halten – aber ich wollte es wissen. Ich versuchte nur stabil durch diese Kurve zu kommen. Das gelang.

Nach der Kurve hatte ich gut 100 Meter gerade aus. Ich konnte einen schmalen Mittelstreifen nützen, da ragten viele kleine Steine aus dem Eis, die gaben Haftung. Hoch in die Fünf, das reichte um wieder Geschwindigkeit aufzunehmen. Zur nächsten Kurve hin konnte ich den Traktor nach der Eiskurve beschleunigen hören. Der Bursche hatte die Herausforderung angenommen.

Ich hatte aber noch genug Zeit, um auch in dieser Kurve auf Nummer Sicher zu gehen. Am Kurvenausgang machte ich meine Fahrlinie ganz auf, so konnte ich eine Böschung als Beschleunigungswanne nützen. Das macht Spaß! Jetzt ging es ab, Fünf, Sechs – aber vorerst noch nicht zu ausgelassen, 200 Meter bis zur nächsten Kurve – da gab es aber schon eisfreie Spuren.

Vor dem Eisenbahnübergang wurde es noch einmal sehr glatt. Ich verließ jetzt den Weg, und fuhr einen Meter neben der Eispiste im Tiefschnee. Da konnte ich die Fantic fliegen lassen. Geschwindigkeit: zu hoch.

Es ist ein unbeschreiblicher Rausch. Nie in deinem Leben bist du so wach, wie wenn du mit einem Motorrad auf einer gemischten Eis-Schnee Piste siebzig Sachen fährst. Die Bilder, die du da wahrnimmst, prägen sich so tief in ein Hirn ein, dass du sie Stunden später wieder haarscharf abrufen könntest. Es ist einfach irre – oder ich bin irre, das kann auch sein.

Ich hatte jetzt wieder festen Schnee unter den Reifen, ab jetzt gab Halbgas die kleinste Saugöffnung vor. Ich begann eine wilde Jagd durch den festen Schnee und meine Beute war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

Was? Traktor? Welcher Traktor?

Ich war eins, mit dem komplettesten Motorrad in der Trialwelt. Ich meine damit nicht, die Fantic 240 sei das beste Trialmotorrad aller Zeiten, oder so. Nein, nicht ganz!

Die Mädels in den Entwicklungsabteilungen der Motorradfirmen in aller Welt haben an den modernen Geräten schon gute Arbeit geleistet. Natürlich kann ein modernes Trial-Motorrad in der Sektion viel mehr als so ein altes Fantic-Gfred. Kein Vergleich!

Die Fantic 240 Professional ist wohl ein Sport-Trialer mit Klasse, da lassen die Erfolge, die mit diesem Motorrad gefeiert wurden, keine Zweifel aufkommen. Außerdem machte der Verkaufserfolg der 240 eine Legende aus diesem Motorrad. Aber sie hat mehr als alle anderen Trialmotorräder Endurogene im Rahmen, in den Federn und im Motor.

Daher kommt es auch, dass dieses Motorrad hier und da schwieriger zu fahren ist, als eine 125er Fantic von damals. Wenn’s eng ums Eck geht, hat man mit der Großen mehr Arbeit.

"Ja, ein Sportmotorrad", sagt da der Fan, "ein Omnibus", sagt der, der auf den Fortschritt der Technik nicht verzichten will. Der Fortschritt hat aber auch seinen Preis. Ich möchte den sehen, der eine Beta, Gas Gas, Sherco, Honda oder ein Motorrad einer der jüngeren Marken von heute als Alltagsmotorrad verwendet.

Die Fantic Trial 240 Professional gehört noch zu jener Generation, die das leisten konnte. Und für mich ist sie das heute noch. Ein Motorrad für alle Tage.

 

Joe

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