Ein Trialmärchen

Fredl Wagner

In einem Land, lang vor unserer Zeit.

... damals ganz an der Grenze, wo die Männer noch dunkelgrüne Jacken mit Hornknöpfe und ebenso grüne Hüte mit aufgedrehter Krempe trugen. Der Steyr 174 galt als ultimatives Nutzfahrzeug und löste sukzessive den Steyr 15 ab. Der Ferry Dingsleder beherrschte die örtliche Motocross - Szene. Ja, damals gab es noch Motocross - Pisten nahe beim Dorf mit der spektakulären Steilwand aber auch ganz hinten, entlang eines kleinen Bachbetts in einem Graben, seitlich einem Hang hinauf, mit mächtigen Sprüngen.

Ja in dieser Zeit ...

... spielte ein kleiner Bub mit einem kleinen Spielzeug-Plastikmoped auf einer alten Mauer, die zu einer Mühle gehörte und nannte den Fahrer  "Walter Luft". Der Bub hatte keine Ahnung, wer oder was dieser "Walter Luft" war. Jedenfalls aber musste er ein ganz guter Mopedfahrer sein, denn sein größerer Bruder erwähnte ihn oftmals, auch im Radio war dieser Namen mitunter zu hören.

 

Die Jahre vergingen, ...

... der Bub wurde größer. Sein älterer Bruder bekam sein erstes Moped. Nichts war unmöglich. Und so zeigte dieser Bruder schon die ersten Kunststücke mit einer "KTM Ponny II"! Der kleine Bub - obwohl schon etwas größer, dennoch noch immer sehr kleingewachsen - bekam von seinem Bruder, der mittlerweile schon eine wieselflinke Puch DS besaß, die spannendsten Motorrad-Geschichten zu hören und träumte damals von einer Honda Monkey (die hätte von den Abmessungen hervorragend gepasst und hätte trotzdem mächtig Feuer unterm Arsch gehabt.)

Dann kam ein erstes wirkliches Sportgerät ins Haus.

"KTM Comet Cross" mit dem 5-Gang-Sachs-Motor. Das Ding ging wirklich ab, wie die Hölle und hatte in dem kleinen Dorf keine Konkurrenz zu fürchten. Der ältere Bruder besuchte mittlerweile eine Schule in einer fernen Stadt und hatte auch einige Schulfreunde mit einigen ganz seltsamen Mopeds. Der erste in diesem Reigen, war der Andi mit seiner knallgelben Puch Cobra t. Wow, was für ein Gatschhüpfer. Richtige Geländereifen, Kunststoff- Kotflügel in Motocrossmanier. In einem Steinbruch, nahe der Stadt wurde da gefahren, gesprungen aber auch versucht Geländestufen zu bezwingen. Jedoch nicht mit Schwung und Speed, nein vorher noch eine enge Kurve und dann rauf. Versuch folgte auf Versuch. Der kleine Bub war da auch hin und wieder dabei, und hörte dabei auch immer wieder ein englisches Wort: "Trial", das ja auch soviel wie "Versuch" bedeuten sollte... Jaja, da staunte der Andi einige Male nicht schlecht als dann dieser größere Bruder sogar mit seiner Speed-KTM ihn an der einen oder anderen Kante stehen ließ.

In dieser Zeit ...

... verschlag dieser noch immer - für sein Alter zu - kleine Bub die "MOTORRAD"-Zeitschriften seines Bruders, und las erstmalig Berichte über Trial. In dieser deutschen Zeitung tauchte auch immer wieder ein Österreichischer Name auf: "Joe Wallman" und ein Foto bleibt unvergessen: Dieser verrückte Kerl bezwang einen normalen Omnibus, den er seitlich hochfuhr (sprang). Nur durch eine kleine Rampe unterstützt.
Mit diesen Berichten aber tauchten aber auch neue Hersteller-Namen auf, wie "BULTACO", "MONTESA" oder "OSSA".

Eines Tages ...

... tauchte ein neuer Name in dieser Riege auf. Ein Bekannter des Bruders kaufte das beste Schnapsglas-Trial-Gerät, das es damals gab: die FANTIC TX330 Trial, 50ccm, 6 PS, 6-Gang-Getriebe mit 4 ultrakurz übersetzten Trial-abgestimmten Übersetzungen, 1 Sitz (a richtige Renn-Maschin), mit einem WEISSEN Kunsstofftank. Trotz dieses unschlagbarem Mopeds musste der Freund die Fantic regelmäßig dort raustragen, wo dieser geschickte Bruder mit seiner Enduro-KTM  noch durchfuhr. Das Trial-Fieber des Bruders war nun endgültig entfacht. Scheinbar war diese Fantic dem Freund aber schlussendlich doch zuwenig "aufrisstauglich" (es gab ja nur einen Sitz), und das Moped wurde im einmaligem Zustand zum Verkauf angeboten. Obwohl die Mittel der Familie äußerst bescheiden waren, konnte die Fantic doch angeschafft werden. Der kleine Bub sah nun völlig neue Fahrübungen: z.B. Wheelys am Hinter- aber auch am Vorderrad, Wheelys-Turns mit Hilfe der Garagen-Mauer, Befahren von Geländestufen im Wald oder im Bach.

Der große Bruder ...

... begann auch damit, selbst Mopeds zu tunen. So baute er für seinen kleinen Bruder eine alte PUCH MV50 zu einem Trial-Moped um.
Das Press-Blech der Sitzhalterung wurde kurzerhand abgeschnitten und mit einem Teil eines Mobed-Reifens als Sitzersatz abgedeckt. Der Gepäcksträger wurde natürlich aus Gewichtsgründen abmontiert und der hintere Kotflügel gekürzt. Zum wirklichen Trial-Moped wurde die MV jedoch einerseits durch die geniale Übersetzung (11 vorne, 51 hinten (ein gebrauchtes Kettenblatt der Fantic wurde umgebohrt und montiert) und andererseits die nachgschliffenen Überströmkanäle, die im unteren Drehzahlbereich für noch mehr "Dampf" sorgten. Wahrscheinlich kann diese MV als umfangreichste Tuning-Arbeit von "WMT" (Wagner Motor Tunings) bezeichnet werden.
So gurkten die zwei Brüder durch das Gemüse. In dieser Zeit winkten einem die Nachbarn noch freundlich zu und blieben neugierig stehen, um zu sehen was man mit Mopeds alles anstellen kann.

Die ersten Geschicklichkeitsbewerbe ...

... die der größere Bruder fast durchwegs gewann, wurden auf der eigens abgesperrte Übungswiese zuhause teilweise nachgebaut, bzw. die Hindernisse den verbesserten Fahrkünsten angepaßt.
Die Wichtigkeit der Mopes für diese Burschen ist am ehesten mit folgender Geschichte zu beschreiben: Da der Ältere der Brüder über den Sommer im fernen Tirol in den Ferien arbeitete sollte der Jüngere ein Andenken an die Fantic per Post nachschicken um die Sehnsucht zu lindern. Also wurde in der Heimat ein Öl-Abdruck eines Kettenglieds auf Papier genommen und dieser nach Tirol geschickt...

Nach einiger Zeit ...

... stieß der ältere der Brüder an die Grenzen des Mopeds. Einen VW-Käfer von hinten zu bezwingen, war auch mit der Fantic kein wirkliches Hindernis mehr für den Älteren. Es war nur mehr eine Frage der Zeit, bis hier aufgerüstet wurde. Die Bultaco Sherpa kam ins Haus. Ein Drehmomentschwein, mit einem Kick-Widerstand, dass der kleinere stolz darauf war, das Moped überhaupt starten zu können. Dieser Wechsel hatte aber auch für den Kleinen eine wesentliche Konsequenz. Der Kleine Bruder erbte im Alter von 14 Jahren die Fantic und schwebte im 7ten Himmel. Von nun wurde von beiden tatsächlich begonnen Trial zu fahren. Mit dem größeren Bruder als Lehrmeister hatte es der Kleinere ziemlich einfach richtige Fahrtechniken zu erlernen.
Unweit der Heimat wurden auch im Umfeld eines Motocross-Geländes ein Trial-Staatsmeisterschaftslauf mit allen Nachwuchsklassen gefahren. Da waren die beiden Jungs natürlich dabei. Angereist mit den Bikes im VW-Bus vom Vater, mit der halben Familie und mit Jause und warmen Getränken aus der Thermos-Flasche. So richtig professionell halt.

Endlich ...

... gab es auch die Möglichkeit, die ganzen Töpfe endlich auch mal aus nächster Nähe zu sehen. Heiß ersehnt und das Non-Plus-Ultra: die Fantic 240, aber auch die Bultaco Sherpa, Montesa Cota, aber auch die SWM. Vor allem jedoch die Spezial-Puch des Walter Luft (unvergesslich: der Auspuff End-Topf, der um den Stoßdämpfer herumgebaut war). Unendlich sprachen die Brüder über die Änderungen der Technik im Trial: die Unterschiede zwischen den "schwerfälligen Drehmomentsaurier" von Montesa und Bultaco und den leichteren, steiferen und höherdrehenden Fantic Geräten.

Die beiden Brüder...

... waren auch in der heimatlichen Gemeinde ob Ihrer Fahrkünste bekannt. Als jedoch ein Schulkollege des Jüngeren die Schwierigkeit des Trials anzweifelte wurde dieser ohne langes Gerede aufgefordert eine kurze Passage zu folgen. Nachdem es ohnedies nicht so schwer ist, der Freund auch eine "Puch Ranger TT", also ein Geländemoped besaß, müsste dies kein Problem bereiten. Am Weg zum eigentlichen Hindernis, (Ein schön zu fahrender Wasserfall über eine höhere Felskante) musste ein Bachbett entlang gefahren werden, die als spaßige Endurostrecke bezeichnet werden kann. Doch bereits hier musste der Schulfreund seine Puch abstellen, da er nicht weiterkam. Nach vorgezeigter Erklimmung des Wasserfalls, gab es auch keine Zweifel mehr über die Schwierigkeit des Trials...

Kurz vor der Matura ...

... des Jüngeren blieb die Fantic mit einem Kolbenreiber stehen. Das eigene Auto wurde wichtiger und die Fantic blieb halbzerlegt im Dachboden stehen. Der Ältere Bruder verkaufte die Bultaco und gründete eine eigene Familie. Auch der Jüngere -nun endlich auf Normalgröße herangewachsen - begann zu arbeiten und übersiedelte in eine ferne Stadt. An Trial erinnerten sich beide nur noch, wenn sie auf einem Fahrrad zum Spaß einen Trialstopp oder sonstige Übungen machten.

Die Jahre zogen durchs Land.

Nach einigen Jahren begab es sich, dass der Jüngere gerade die Prüfung für das Schiffspatent absolvierte. Einige Monate danach, es war gerade ein schöner Oktobermorgen, überquerte er mit dem Auto eine Brücke, die über einen breiten Fluss führte. Einer jüngeren Angewohnheit folgend, schweifte der Blick über das Wasser um zu sehen welches Schiff gerade am Fluss unterwegs war. In diesem -halbverträumten Moment- schoss ihm ein Gedanke in den Sinn: "Ich möchte wieder Trialfahren".

Im März ...

... des darauffolgenden Jahres wurde das entsprechende Bike aus dem Kofferraum eines Kombis ausgeladen: "APRILIA Climber 280".

Viel Schweiß floss in den Monaten, bis herausgefunden wurde, dass der Weg, den zuvor der Choke niedergedrückt wurde als "Spiel" zu verstehen war, und der Choke eigentlich ordentlich hochgezogen werden mußte. Ja, das ging dann wesentlich leichter....Die Aprilia wurde von einem Bekannten besorgt. Als einzige Vorgabe galt, daß das Bike auch straßentauglich sein müsse, da der Neo-Trial-Fahrer in einer Stadt wohnte und zu Trial-Trainings-Möglichkeiten selbst hinfahren mußte.

Hin und wieder wurde die Aprilia auf einen Anhänger gestellt und wurde in die ursprüngliche Heimat der beiden Brüder gebracht, um hier wieder bestimmungsgemäß bewegt zu werden. Äußerst erstaunt war jedoch der Jüngere der beiden Brüder, daß sich der Ältere bezüglich gemeinsamer bzw. geteilter Trial-Sessions lange Zeit äußerst zurückhaltend und eher ablehnend wirkte.

Der Jüngere der beiden ließ sich davon nicht beirren und nahm auch wieder an einem Trial-Rennen teil. In der Anfängerklasse startend lief er während dieses Rennens dermaßen blau, dass er bereits in der vorletzten Runde die Krämpfe in beiden Unterarmen an Baumstämmen herausdehnen musste. Trotz oder gerade wegen dieses Handicaps fuhr dieser eine perfekte letzte Runde und gewann dieses Rennen. Immerhin war es der erste sportliche Bewerb überhaupt, den er bis dahin gewinnen konnte.

Die Zurückhaltung des Älteren ...

... bezüglich der Trialfahrerei wurde jäh beendet, als dieser im während eines Familienausflugs an einer Hofeinfahrt vorbeifuhr, in der eine BETA Techno mit einem Schild "zu verkaufen" stand und ihm seine Frau dahin drängte, sich dieses Bike doch mal genauer anzusehen. Binnen kürzester Zeit wechselte dieses Bike den Besitzer und beide Brüder konnten wieder gemeinsam die heimatlichen Wälder unsicher machen.

Noch heute ...

... können aufmerksame Besucher dieser Gegend ganz an der Grenze den süß-herben Geruch des verbrannten Zweitakt-Öls wahrnehmen und ist das ruhige Brummen der Aprilia oder der beherzte Sound der BETA hören....

 

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Fredls erste:

Puch MV 50 WMT*

(davon träumt er heute noch)

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Grafik:

Leider war ich darauf angewiesen, einige Grafiken aus dem Web zu klauen:


Motocross: www.amsracing.com


Puch DS: www.dsv.nl


KTM comet: Google Bilderindex (Seite nicht mehr vorhanden)


Wallmann: "The first Trialguide"


Fredl auf der Fantic:

Andrea (Schwesterherz)


MV 50: Puch Ersatzteil-Katalog


Trialbrüder:
Andrea (beim Elefantentreffen in Wildon - Wolfgang Trr hat eine Vorführung gemacht!)


Fredl in Waasen: ??


Fredl - Wheely: Joe


Anhänger:

Fredl, Lukas und Fabian (von links)
Foto: Joe


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