Eine Frage des Gleichgewichts
OHLSDORF. Wäre jede Schule so lässig,
würden Ferien eine Strafe sein: In Hartwig Kamarads
Trial-Garten in Ohlsdorf lernen Kinder und Jugendliche, wie
man auf dem Motorrad das Gleichgewicht behält. Und seine
Gesundheit.
VON CHRISTOPH ZÖPFL
Möchtegern-Rennfahrer, die nach
ausgiebigen Playstation-Erfahrungen den Kick in der Praxis
suchen, sind hier an der falschen Adresse. "Wer laufen möchte,
muss zuerst das Gehen lernen", sagt Kamarad, ein Veteran des
heimischen Trialsports. Trial, das ist die hohe Schule des
Motorradfahrens, in der es nicht um das Tempo geht, sondern um
das Meistern verschiedenster Hindernisse, ohne die Balance zu
verlieren.
Das Angasen steht in Ohlsdorf also nicht
auf dem Lehrplan, das richtige, dosierte Gasgeben dafür umso
deutlicher im Vordergrund.
Kamarad ("Mir tun die jungen Leut' Leid,
die es mit dem Moped schmeißt und die gar nicht wissen,
warum.") möchte in seinem rund 7000 Quadratmeter großen
Trial-Garten keine sportlichen Talente züchten, dem
55-Jährigen geht es vor allem um ein Einbremsen der
Moped-Unfälle. "Die Zahl der Verletzten und Toten bei den 15-
bis 17-Jährigen steigt und steigt, da muss man doch
reagieren", meint er. Beim Moped-Führerschein wären Praxis und
Theorie gefährlich aus dem Gleichgewicht.
Ein paar Achter sind zu wenig
Das Gesetz schreibt einen achtstündigen
Kurs vor, bei dem es in erster Linie um technische und
rechtliche Vorschriften geht. Kamarad: "Es reicht nicht, wenn
die jungen Leut' dann auf einem Parkplatz ein paar Achter
fahren."
Der Trial-Garten ist keine Achter-Bahn,
sondern eine Spielwiese, die viel Geschicklichkeit im Umgang
mit Gasgriff, Kupplung und Bremse erfordert. Die "Fahrschüler"
machen überraschend schnell Fortschritte. Auch für blutige
Anfänger verlaufen solche Probefahrten unblutig. Solange sie
nicht übermütig werden.
Mehr als 500 Kindern und jugendlichen hat
Kamarad seit der Eröffnung seines Trial-Gartens am 1. Mai
schon Nachhilfeunterricht in Sachen Fahrphysik und -dynamik
gegeben. Sie alle haben nicht für eine Schule gelernt, sondern
für das (motorisierte) Leben.
Und eine Gaudi war es sowieso.
aus: OÖ Nachrichten Samstag, 11. August
2004
Zurück zur Presse
Übersicht
|